Vortrag: Die Rolle der humanistischen Bildung (Humboldt‘scher Prägung)
im biologischen Prozeß des Alterns

Zunächst möchte ich meinen Dank an den Vorsitzenden der Vereinigung aussprechen für die Überlassung des außerordentlich vielschichtigen Themas.

Die Annäherung ist einigermaßen schwierig, denn ich will einen Trennungsstrich meiden zwischen

Die eine war wohl so wenig naturwissenschaftlich, wie die andere humanistisch. Ich gehe aber davon aus, daß der Geist des Humanismus in den ehrwürdigen Mauern unseres traditionsreichen Schiller-Gymnasiums so präsent war, daß er uns tief im Inneren durchdrungen hat. Vielleicht im Sinne eines "Weltgeistes" mehr oder weniger wahrgenommen.

Manch einen hat unter seinem Einfluß die Muse geküsst, manch anderen hat auch eine andere geküsst.

Ob also die humanistische Bildung überhaupt Einfluß nehmen konnte auf unseren biologischen Alterungsprozeß zu jener Zeit, als wir uns stürmisch auf den biologischen Höhepunkt unseres Lebens hinbewegten, hing weitgehend davon ab, ob der Acker, auf den der Samen fallen sollte, fruchtbar war. Konnte das denn überhaupt möglich sein, wo doch durch manch widrige Umstände bereits zu jener Zeit allenthalben schon intellektuelle Wüste herrschte? Ich denke hier an häufiges Kartenspiel, vorzeitiges Studium politischer Zeitungen, regelmäßigen Besuch einschlägiger Wirtschaften und auch den übermäßigen Umgang mit dem weiblichen Geschlechte.

Der Einfluß des Humanismus auf unser Leben war also nicht unerheblich behindert, 67/68 war eine unruhige Zeit, in der es Julius Cäsar, Ovid und Antigone schwer hatten, sich einen Platz in unserem Herzen zu erobern. Julius Cäsar, der die Vorhut zurückzog und die Nachhut vorschob.
Ich erinnere hier an einen klassisch freud‘schen Versprecher meinerseits: Ovid bei dem "Mel destillat de Arbore»
-der Honig von der Steineiche tröpfelte-, was biologisch näher gesehen wohl die Exkremente von Blattläusen waren. Und Antigone, deren tiefschürfende Bedeutung auf unser Leben sich in der Abitursrede niederschlug, ich rufe Euch hier auch die Ausführung von Garry auf unserem letzten Klassentreffen in Erinnerung.

Konnte unter diesen schwierigen Rahmenbedigungen der Humanismus überhaupt auf unser Leben einwirken? Wo wir doch damals der süßen Illusion der Jugend unterlagen, daß diese niemals enden würde, das hohe Alter von 30 Jahren für uns damals völlig unvorstellbar war und überhaupt die Gedanken in dieser Zeit weitgehend hormongesteuert abliefen. Wir wußten damals nicht, daß der fluiden Intelligenz unserer besten Jahre einst die kristalline funkelnde Intelligenz des reifen Alters folgen würde, die heute unsere Tage in ein mildes schimmerndes Licht taucht.

Laßt uns zurückgehen zum Ausgangspunkt. Laßt uns ein wenig nachdenken über das Altern. Es war uns klar, daß uns mit 25/30 Jahren unser Höhepunkt, zumindest unser biologischer noch bevorstand. Aber wir kannten noch nicht die rauhe Wahrheit der reifen 50er: "use it or loose it". Denn damals waren wir noch Multiuser! Wir wollten nicht "jung alt werden", wie es heute so modern ist, sondern wir wollten jung bleiben und niemals alt werden. Der Begriff des "Alterns" war uns fremd.

Biologisch gesehen ist Altern inzwischen einigermaßen verstanden. Jede Zelle hat ein Gedächtnis, ein Telomer, das aus einer Reihe von Nukleotiden besteht, und bei jeder Zellteilung wird von diesem Telomer ein Stückchen abgeschnitten. Ist es dann weg, darf die Zelle untergehen, nicht sterben, denn sie wird planvoll abgebaut und ihr Substrat wird wieder in den Prozeß des Lebens eingeschleust, 600 Milliarden Zellen jeden Tag. So bekommen wir alle 5 Tage eine neue Magenschleimhaut, alle 3 Wochen wird das Fettgewebe einmal umgebaut. Alle 4 Wochen entsteht ein neues Riechepithel und rote Blutkörperchen werden 3 Monate alt. Gut ist, daß alle 14 Tage unsere Haut sich aufs neue bildet, sonst wäre manch einer von uns ein ganz abgeschabtes dünnhäutiges menschliches Exemplar.

Schon damals tickte in uns diese Uhr, die wir nicht wahrnehmen wollten, nur wenige fühlten instinktiv, daß sich eine fötale Bindegewebszelle etwa 100-mal teilen konnte bis sie zugrunde geht, während die eines 70-jährigen nur 20-30 Mal. Wir schöpften noch aus den vollen. Daß täglich 50.000 Gehirnzellen absterben, störte uns überhaupt nicht und es war uns klar, daß nach durchzechter Nacht es wohl gelegentlich deutlich mehr waren, das wußten wir, darüber witzelten wir, was wir noch nicht wußten ist, daß "use it, or loose it" sich nicht auf die Zahl der Zellen bezog, sondern auf die Zahl ihrer Verbindungen und daß offensichtlich bis ins hohe Alter solche neue Verbindungen entstehen können.

"Use it". Wir wußten, daß manche mehr und andere weniger Muskeln hatten, aber daß es mit 30 ohne Training gewaltig abwärts geht, das war für uns damals noch kein Problem. Wir lebten zwischen fit und dick und faul und dünn, wir wußten nicht, daß Ratten länger leben, wenn sie hungrig sind.

Die Tradition der Alten, die wir heute wohl mit Humanismus übersetzen, war damals für uns kein Problem, eher die Ungeduld. Was wir nicht konnten, aber hätten können sollen, das war Innehalten, Nachdenken. Laßt es uns jetzt ein wenig nachholen. Wir alle brauchen Muse, um in uns hinein zu hören, brauchen Zeit, um uns und unser Leben in Frage zu stellen, wir brauchen noch mehr Zeit, um Antworten entstehen zu lassen. Fragen wir die Alten, fragen wir:

Worin besteht das Leben?:

Die antike Philosophie hat mit einer ähnlichen Kreativität wie mit ihrer Atomlehre hierzu eine Fülle von Antworten gegeben, von denen ich einige kurz zitieren will. Zunächst heißt Philosophie für sie ganz untypisch für die heutige Zeit zu aller erst Philosophie der Lebenskunst.

Pythagoras fordert weit über a2 + b2 = c2 hinaus: Mit aller Kraft müsse man meiden, ja mit Feuer, Eisen und allen Hilfsmitteln austilgen: Vom Körper die Krankheit, vom Geiste die Dummheit, vom Magen den Luxus, vom Staate den Aufruhr, vom Hause die Zwietracht, von allen die Maßlosigkeit (zitiert nach Porphyrius).

Die Sophisten, Protagoras, Gorgias, Hippias, Prodikus (welch schöne Namen, doch mein Freund, aus meinem Kopfe sind sie lang entschwunden!) fordern von uns:

• Kritisches Denken.

• Wissen.

• Gestaltung der Existenz.

• individuelle Macht zur Vermeidung von Abhängigkeit,

das alles kulminierte für die Sophisten in der Macht der Rhetorik, Rhetorik wurde zur Lebenskunst. Sokrates stellt die Selbstsorge (Epimeleia heautou) in das Zentrum eines Denkens.

Platon läßt uns nach dem Guten, Wahren und Schönen suchen. Neben der Sorge um sich selbst soll auch die Sorge um die anderen treten.

Aristoteles zeigt uns das Ethos, die Haltung des Individuums ist eine Wahl auf der Basis von Klugheit, das Ziel hat Vortreffiichkeit und Glückseligkeit zu erlangen.

Die Kyniker lehren uns Autarkie, Selbstbestimmtheit und Askesis, die Übung. Diese Übung soll darin bestehen, die Lüste auf kalkulierte Weise zu gebrauchen, zu entsagen, um zu genießen. Diogenes jedenfalls hat ein besonders freies und autarkes Leben geführt.

Die Epikureer führen uns in den "Garten der Lüste" mit einer Minimierung der Bedürfnisse, um die Lust zu maximieren und auch aus kleinsten Anlässen größte Lebensfreude zu schöpfen.

Die Stoiker, unter ihnen, vor allem Seneca, schließlich sagen uns "Vindica te tibi": "Eigne dich dir an"

Über dem Orakel von Delphi steht "Erkenne dich selbst und du wirst das Universum und die Götter erkennen"

Nun also, liebe Klassenkameraden, können wir uns langsam an die Antwort wagen.

Doch zunächst noch ein kleiner Exkurs:

Zu diesem "Erkenne dich selbst" möchte ich hinzufügen, erkenne deine Wurzeln. Auf dem letzten Klassentreffen, ich denke hier an Axel Wien, hatte ich mit ihm die Gründung eines Vereins zur Förderung der artgerechten Ernährung des Menschen im Restaurant Orphee in Regensburg vereinbart. Leider kamen mir später hin dann doch einige Zweifel an der Präzision dieses Vorhabens und ich möchte heute das Programm etwas modifizieren. Ich denke, wir sollten einen Verein zur Förderung der artgerechten Lebensweise des Menschen gründen.

Wir haben alle unser Päckchen. Damit meine ich die 185.00 km DNS die in unseren 70 Bil. Zellen herumschwirrt und letztendlich die Matrix unseres Lebens ist. Die DNS verändert sich in 1000 Jahren maximal um 1%, d.h. wir brauchen 100 000 Jahre, um uns an eine genetisch gesehen neue Situation anzupassen. Wie wenig oder wieviel sich geändert hat, das ist kann man daran erkennen, daß das Genom des Menschenaffen mit dem des Menschen etwa 98,4 % übereinstimmt. This difference is ridiculous.

Da sich aber die genetische Weiterentwicklung, die Selektion unserer Population Mensch nur bis zum Ende des Reproduktionsalters überhaupt realisieren kann und bisher in unserer Altersgruppe doch recht wenige 20-jährige Ehefrauen anwesend sind, spielt sich unser Alter auf der genetischen Grundlage der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ab. Das ist unser Päckchen. Diese Selektion hat sich über Millionen von Generationen entwickelt. Es ist ignorant zu glauben, daß Fast food, Gourmeetempel und Fernsehgesellschaft innerhalb von 50 oder 100 Jahren diese genetischen Grundlage auch nur ankratzen könnten. Unsere Vorfahren waren über unzählige Generationen, über 10.000-de von Jahren Sammler in der Savanne, und nur wenn sie schlau waren und dazu Gelegenheit hatten, teilweise auch Jäger. Wir sehen das auch heute noch daran, daß es Briefmarkensammler, Münzensammler, Bierdeckelsammler häufiger gibt, als Jäger. Für meine Person möchte ich sagen, daß sich der tiefere Sinn dieser Tätigkeit für mich nicht immer erschließt. Diese Verhalten liegt tief in uns begründet. In jener Zeit des Mangels mußten unsere Vorfahren viel essen und das Gegessene schnell in Form von Fett speichern, wenn sie die nächste Hungersnot überleben wollten. Das Hauptproblem ist, daß dieses genetische Programm nicht mehr funktioniert, weil es keine Hungersnot mehr gibt. Das ist ein ganz wesentliches Alterungsproblem unserer Gesellschaft.

Hier möchte ich den Bogen zu den Ausführung der Alten, der Humanisten schlagen. Ihr Programm war Mäßigung, Askese, die Vermeidung von Maßlosigkeit. Sie haben uns den Eintritt in den Garten der Lüste erlaubt, aber der Schlüssel dafür war die Ausgangsposition des Mangels. Sie konnten es damals nicht wissen, aber wir können es nicht leugnen: Hungrige Ratten leben länger. Asketische Menschen genießen stärker.

Wir können die biologische Uhr, die in uns tickt, nicht anhalten. Aber wir können sie modifizieren. Indem wir uns entsprechend unserer über Jahrmillionen erworbenen Grundlagen verhalten. Das heißt wertvoll ernähren und unseren Körper benutzen. Die Vorstellung, daß wir enzymatisch unser Leben verdoppeln, verdreifachen oder vielleicht verzehnfachen, die Vorstellung daß wir durch Klonen unsterblich werden hat für mich etwas Bedrückendes.

Der Moment und der Tag gewinnt seinen Wert durch den Sinn, den wir ihm geben. Dies ist eine tiefe menschliche Fähigkeit, die durch eine rein numerische Verlängerung der Zahl der Stunden und Tage, die wir uns auf dieser Welt befinden, nicht verbessert werden kann. Wenn wir im Einklang mit unseren biologischen Wurzeln leben, unseren Körper benutzen, uns Genüsse gönnen, dazwischen aber Mangel suchen, dann wird unser Geist frei. Plenus venter non studet Iibenter.

Bewegt euch, habt Hunger, alles in Maßen, alles freiwillig, lebt im Einklang der Natur. Dann spürt ihr einen Einfluß des Humanismus und der humanistischen Bildung auf das Altern. Dann können wir die Akkumulation von Wissen, Kenntnis und Erfahrung genießen. Tut es, ich rufe Euch zu:

"Laßt uns erfolgreich altern !"




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